DAS KONSTRUKT ICH

February 15, 2017 10:55

Ich bedrueckt web klein

Annegret Soltau: “ich bedrückt” 1978, Fotoradierung (Detail)

Annegret Soltau: DAS KONSTRUKT ICH. Das ge-zeichnete Selbst.
Vernissage: 8. Februar 2017 von 19 – 21Uhr
Ausstellungsdauer 9. Februar – 18. März 2017
Anita Beckers Contemporary Art, galerie-beckers.de, Frankfurt
Die Künstlerin Annegret Soltau im Gespräch mit der Galeristin Anita Beckers anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Galerie Beckers, Frankfurt, am 07.02.2017.
Die Ausstellung zeigt Fotovernähungen, Fotoradierungen und Performance-Videos der Künstlerin von 1975 bis heute.
Soltau ist eine Pionierin auf dem Gebiet der feministischen Kunst und der Body Art, doch erzeugen Ihre Werke bis heute auch Kontroversen. Immer wieder werden Arbeiten von ihr als anstößig empfunden, zensiert, oder aus Ausstellungen entfernt. Im digitalen Zeitalter, in dem das Internet eine anonyme Plattform bietet, scheinen so konkrete und gleichzeitig körperlich nicht normierte Bilder befremdlich. Ihre Werk besticht bis heute durch eine ungebrochene Authentizität.

In ihrer Arbeiten zeichnet Soltau ihr Ich. Doch braucht sie dazu weder Stift noch Papier. Sie benötigt eine Kamera, einen Faden und ihren Körper. Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt sich die Künstlerin mit ihrer psychischen und physischen Identität. Dabei bezieht sie auch Ihr Umfeld, ihre Familie und ihre Kinder, immer wieder in Ihre Arbeiten ein.

Der Faden, den sie in ihren Performances und Selbstportraits verwendet, umschließt Gesichter und Körper wie ein sicherer Kokon, verdeckt und verzerrt, und bleibt dennoch flexibel. Das für die Übernähung verwendete Garn, kann zeichnerisch verstanden werden, löst aber ihre fotografischen Bilder aus einer rein visuellen Erfahrung und transportiert sie in eine haptische Wirklichkeit. Ihre frühen Arbeiten befinden sich im Kontrast wirr gesponnener Schnüre und präzise gestochenen Stickereien, wie Ihre Serie Selbst von 1975. Immer wieder benutzt Soltau auch die Nadel. Sie sticht sie in Ihre Fotografien und benutzt sie um Negative zu gravieren und zu zerkratzen, oder um Fotofetzen zusammenzunähen. Es ist, als würde sie nicht mehr nur die Grenzen ihres Körpers erforschen, sondern sie überwinden. Sie vernachlässigt immer mehr die anatomischen Gesetze und schafft menschenähnliche Monster. Die Fragen und Anliegen, die die Künstlerin beschäftigen und der starke biografische Bezug, ziehen sich ebenso wie ein Faden durch ihr Werk, wie der Faden selbst es tut.

Soltaus Fäden werden ganz unterschiedlich eingesetzt. In dem Text Annegret Soltau. Spinnen, Umgarnen, Nähen – emanzipatorische Fadenspiele (2015) schriebt Leena Crasemann: „Über das Spinnen und später vor allem über das Nähen greift Soltau auf jahrhundertealte Kulturtechniken zurück und verbindet diese mit der Fotografie. Auf diese Weise de(kon)struiert sie weiblich kodierte Handarbeitstechniken und veranlasst über ihre Aneignung eine kritische, konstruktive Neubesetzung der Dichotomien von Handwerk versus Kunst, weiblich versus männlich, fotografischem Bild versus installativem Objekt – und darin liegt letztlich das avantgardistische, emanzipatorische Potenzial ihrer sehr eigenen, künstlerischen Sprache begründet“.

exhibition opening on February 8, 2017 from 7 – 9pm.
The exhibition will show sewn photographs, photo etchings and performance videos made by the artist from 1975 until today.
Soltau is a pioneer in the field of feminist art and Body Art, however, her works still generate controversy today. Again and again her artworks are considered offensive, are censored or pulled from exhibitions. In the digital age where the internet offers an anyonymous platform to users, such concrete and physical images seem disconcerting. Today, her work boasts an unbroken authenticity.

In her work, Soltau draws her I. However, she does not need pencil and paper for this. Instead she needs a camera, a thread and her body. For over 40 years, the artist has occupied herself with her physical and mental identity. In doing so, she utilizes her environment, her family and children over and over in her work.

The thread that she uses in her performances and self portraits encompasses faces and bodies like a safe cocoon; hidden and distorted but also flexible. The thread used for sewing over the photographs can also be understood as an element of drawing. However, it also frees the photographs from their purely visual experience and transports them into a haptic reality. Her early works are situated in the contrast of tangled threads and precise pin pricks resembeling embroidery, like her series Selbst (Self) from 1975. Soltau uses the needle often in her works. She stabs it into her photographs, scratchs the negatives with it or sews torn photographs together. It is as if she does not explore the limits of her body anymore, but rather goes beyond them. More and more she neglects the anatomical laws and creates people-like monsters. The questions and concerns that the artist has explored and the prominent biographical relavance, string her oeuvre together, just like the physical threads do.

Soltau’s threads are utilized in various ways. In the article Annegret Soltau. Spinnen, Umgarnen, Nähen – emanzipatorische Fadenspiele (2015), Leena Crasemann wrote “Through the spider and later mainly through sewing, Soltau uses cultural techniques that are hundreds of years old and connects them to photography. In this way she deconstructs the femininely coded techniques of handiwork and, through her approach, creates a critical, constructive new occupation of the dichotomies of handiwork versus art, masculine versus feminine, photographic image versus installative object – and this is where the avant garde, emancipatory potential of her own artistic language was founded.