SPEECH AT THE WOMAN'S MARCH

February 15, 2017 10:29

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Annegret Soltau:
Kundgebung zur Demo Women’s March am 21. Januar 2017, 14:30 Uhr, Römerberg Frankfurt a.M.
Ich bin überwältigt, wie viele Menschen heute zur Demo gekommen sind, ich danke Euch Allen dafür!
Wir sind in eine denkwürdige Zeit hinein katapultiert worden, die wir nicht mehr für möglich gehalten hatten. Die Angst der Frauen vor einem backlash, also Rückfall, ist berechtigt, wenn auch schon hier bei uns kürzlich ein populistischer Politiker für die Wiederabschaffung des Frauenwahlrechts wirbt und Frauen als Heulsusen bezeichnet.
Als ein Kind der Nachkriegszeit wurde ich noch am Ende des 2. Weltkrieges von einem unbekannten Soldaten gezeugt. Ich war ein Kind, das nicht geboren werden sollte. Das aber scheint meinen Widerstand herausgefordert zu haben. Zuerst war ich sprachlos, später fand er Ausdruck in Bildern, ich wurde Bildende Künstlerin. Als Studentin erlebte ich die Aktionen der wilden 60er Jahre. Auch damals gingen wir wegen eines amerikanischen Präsidenten auf die Straße und skandierten: “Nixon glauben wir kein Wort, Völkermord bleibt Völkermord!“. Es ging um den Vietnamkrieg.
Der politische Protest rüttelte auch uns Frauen wach, sie wurden sich der einengenden Rollen bewusst und begannen ihren eigenen Kampf gegen die verkrusteten und verkorksten gesellschaftlichen Zustände, die in Folge des verheerenden Nazideutschland entstanden waren. Wir demonstrierten für den Frieden und für das Selbstbestimmungsrecht, gegen das Abtreibungsverbot, Gewalt, Krieg und Unterdrückung.
Erst habe ich gezögert, als die Anfrage kam, hier auf dieser Kundgebung eine Rede zu halten, denn ich bin als bildende Künstlerin keine Frau des Wortes, sondern der Bilder. Aber was sagten schon die Studenten in den 60er Jahren: „Künstler, werft Eure Pinsel weg und reisst Euer Maul auf!“ Das werde ich heute tun, denn ich fühle mich verantwortlich und kann die aktuelle Entwicklung einfach nicht mit gutem Gewissen ignorieren.
Die Frau ist in der Kunst keine Marginalie, auf den Bildern in den Museen sind sie in allen Schattierungen versammelt. Allesamt von Männern dargestellt, es sind Wunsch-, aber auch Feindbilder, inspiriert von Musen der Künstler. Wir Künstlerinnen der 70er Jahre aber wollten keine Musen mehr sein, sondern uns selbst ins Bild setzen. Das wurde zum Appell, die traditionellen Rollen wurden durchbrochen und der eigene Körper ins Bild gestellt: „Das bin Ich“.
Wir wollten die mystische Überhöhung des Geschlechtlichen jenseits der Helmut- Newton- und David- Hamilton- Ästhetik unterlaufen. Es war an der Zeit, uns aufzulehnen, etwa gegen den männlichen Geniekult, und an einer grundlegenden Neuerschaffung des Bildes der Frau durch die Frau zu arbeiten.
In den 70-iger Jahren gründeten wir hier in Frankfurt eine Künstlerinnengruppe, erforschten miteinander die Kunstgeschichte und suchten nach den Frauen, die uns Vorbilder sein könnten. Es gab sie kaum. Abgesehen von Paula Modersohn-Becker oder Käthe Kollwitz, sah es düster aus, später kam durch die Frauenbewegung Frida Kahlo hinzu.
Gleich hier um die Ecke, im Frankfurter Kunstverein am Steinernen Haus zeigte ich 1983 meine Video- Installation „schwanger“, die aus 9 lebensgroßen Fotos meines nackten schwangeren Körpers vom 1. bis zum 9. Monat bestand. In diese Fotos waren Video-Monitore eingelassen, auf denen 9 Performances von mir, dem jeweiligen Monat entsprechend, abgespielt wurden.
Die Gesamtarbeit war 9 Meter lang und 2 m hoch, ich hatte sie im Erdgeschoss frontal zur Fensterfront platziert, so dass sie von den vorübergehenden Passanten gesehen werden konnte. Ich wollte damit das Thema Schwangerschaft durch die Glasfront nach Aussen, in die Gesellschaft tragen und sichtbar machen. Ich habe mich als Schwangere öffentlich gemacht.
Ein Aufschrei ging durch das Kunstpublikum: “Ist das Kunst?“ und „Das ist doch Ihr Privatproblem!“ Aber gerade das war mir wichtig: Ich hatte den Slogan der 70er Jahre „Das Private ist politisch“ längst verinnerlicht und in meine Arbeit einbezogen.
Einige Jahre später wurden meine Bilder „generativ – Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter“ mehrmals in Ausstellungen zensiert wegen der sogenannten „Ästhetik der Häßlichkeit“. Sogar hier in der Weltstadt Frankfurt wurden sie in einer Ausstellung anlässlich der Verleihung eines Kunstpreises mit dicken Stoffbahnen zugehängt.
Wer gegen Rassimus ist, jedoch den leiblichen und seelischen Schutz von Frauen nicht mit einbezieht, muss sich scheinheilig nennen lassen.
Meine Vision ist – und dafür stehe ich heute hier – , in meinen Bildern den Frauen ihren eigenen Körper zurückzugeben, der ihnen genommen wurde durch die Festlegung auf traditionelle Rollen in der Gesellschaft, durch die Religion und Geschichte oder auch durch erniedrigende und zerstörende Gewalterfahrung.
Die Ureinwohner von Neuseeland, die Maori, haben, um sich gegen Gefahr zu wehren, eine symbolische Geste, die ich jetzt gerne mit Ihnen zusammen machen würde um ein Zeichen zu setzen gegen die Ungleichheit, Vereinnahmung und Unterdrückung der Frauen: Lasst uns wie die Maori die Augen rollen und unsere Zungen herausstrecken!
Vielen Dank.